Inspiration & Erwartungshaltung beim Freestyle – eine Chronologie des Scheiterns

Diesmal geht es nicht um Technische Spezifikationen, Produkttests oder die neuesten Innovationen im FPV Sport. Ich möchte kurz und ganz persönlich über den Antrieb sprechen – und damit meine ich nicht eine Gegenüberstellung von High- und Low KV Motoren, sondern das, was uns alle WIRKLICH antreibt. Der kleine, unsichtbare Kobold auf unserer Schulter der uns davon abhält unseren Copter aus dem Fenster zu werfen, wenn nach 4 Stunden löten, 3 Stunden Fehlersuche und 2 Stunden intensiver Gebete zum FPV-Gott immer noch ein Motor stottert, ein ESC heiß wird, oder ein VTX Streifen ins Bild macht. Der selbe Kerl bringt uns nämlich auch dazu sündteure Drohnen mit abartigen Geschwindigkeiten durch regelrechte Nadelöhre zu manövrieren, in der sicheren Gewissheit, dass man gerade dabei ist sein Quad zu zerstören und wieder den Weg zu ebnen für teure, stundenlange, mühsame Reparaturen.

Dienstag, 07:00 Früh. Die ersten Sonnenstrahlen quetschen sich durch die schmalen Spalten in den Rollläden meines Schlafzimmers. Obwohl Dienstag ist – einer der grausamsten Wochentage –  wache ich heute mit einem breiten Grinsen auf, als Nachwirkung von einem legendären Flugwochenende. Es war eines dieser Wochenenden wo man alle Akkus ohne groben Absturz leerfliegen kann, man den perfekten Platz zum Fliegen findet und die verrücktesten Lines findet.

Immer noch adrenalingeimpft gehe ich durch den Tag und versinke schon beim Frühstück in Tagträumen vom Fliegen. Während der Arbeit mache ich mir Gedanken über einen guten Spot für die Feierabendrunde und ob ich es wohl noch schaffe all meine Akkus voll zu bekommen. Der Tag scheint gut zu werden, sogar mein Kumpel hat Zeit und wir verabreden uns für einen entspannten Freestyle-Abend an unserem Lieblingsspot.
Nach der Arbeit schnell alle Akkus vollgeladen, 5 Müsliriegel ohne Kauen runtergeschluckt weil für ordentliches Essen keine Zeit ist und meine Sachen gepackt bin ich auch schon unterwegs zum vereinbarten Ort. Ich habe dieses Jucken in den Fingern – welches das dringende Bedürfnis nach Inverted Yaw Spins und epischer Dives widerspiegelt. Als ich ankomme möchte ich keine Zeit verlieren, packe meine Sachen aus und hebe ab in meine ganz eigene Welt, wo es nach oben keine Grenzen mehr gibt und die dritte Dimension ganz und gar gelebt werden kann. Ein paar zügige Runden knapp über dem Boden um die Finger warm zu bekommen.

ZACK – der erste “Absturz” – etwas zu wenig Höhe und ein Grasbüschel das meinen Copter unkontrolliert durch die Luft wirbelt. Brille runter, den Sender lasse ich gleich an, da ich ohnehin genau weiß wo der Copter liegt. Ich habe Glück  – nichtmal ein gebrochener Propeller. Also munter weiter. Bevor ich nun meine Energie beim Aufwärmen verschwende probier ich gleich mal den Trippy Spin, der beim letzten Mal so gut geklappt hat. Also rein in den Orbit, die Sticks auseinanderbewegt und siehe da – Eintritt in die Umlaufbahn erfolgreich – ich zentriere die Mitte des Windrades im Videobild und plötzlich – Failsafe. Der Copter fällt aus 30m Höhe ungebremst zu Boden. Der Betonsockel des Windrades war doch zu dicht für die 2.4 GhZ Wellen meines Senders. Nach 5 Minuten hektischer Suche lockt mich schließlich der Summton meiner ESCs zur Absturzstelle.  Drei kaputte Props, eine gerissene Lötstelle am VTX und eine gebrochene Schraube am Stack  – das Teil fliegt heute keinen Meter mehr.

Etwas entnervt packe ich Copter Nummer 2 aus – meinen Backupcopter – man lernt ja dazu über die Jahre. Also Akku drauf, erstmal an das Handling gewöhnen (trotz baugleichem Kopter und identem Tune fliegen sich die 2 Geschosse völlig unterschiedlich) und dann los. Doch wohin? Noch ein Failsafe und ich bin ganz ohne flugfähigen Kopter, nach Powerloops ist mir heute irgendwie auch gar nicht, also versuche ich mir eine Abfolge vorzunehmen um den Spot optimal auszunutzen. Da ein Spit-S-Dive, dort ein schneller Turn, dann unter dem Schild durch, einen schnellen Rückwärts-Orbit um den Baum und zum Schluss ein Yaw-Spin zum Abrunden. Tatsächlich schaffe ich es die Line zu fliegen, aber der Spit-S-Dive war gefährlich nahe an einem Disaster, beim Rückwärts-Orbit habe ich dem Baum eine Sommerfrisur verpasst und der Yaw Spin erinnerte eher an einen “Egg-Spin”. Irgendwie wirkt mein Flugstil heute gekünstelt, schlecht koordiniert und “blechern”. An den Versuch etwas Neues auszuprobieren ist gar nicht zu denken und auch das Herumcruisen macht heute irgendwie keinen Spaß.
Mein 2″ Micro ist der letzte Strohhalm an den ich mich klammern kann – vielleicht kommt ja mit ihm die Lust am Fliegen wieder zurück. Anstatt Spaß zu haben fallen mir aber nur diverse Macken beim Fliegen auf – warum knickt der kleine plötzlich so weg in der Kurve? Neulich tat er das ja auch nicht!?.

Frustriert packe ich meine Sachen und lasse den Abend gedanklich Revue passieren. Eigentlich ging nicht viel kaputt – es gab schon schlimmere Tage. Trotzdem hatte ich heute keinen Spaß. Liegt es am letzten Wochenende? Hat mich der Nervenkitzel vom Wochenende unempfänglich für klassisches FPV-Vergnügen gemacht? Ich hake diesen Tag einfach ab. Temporär hake ich beinahe alles ab was FPV anbelangt und widme mich anderen Dingen.
Drei bis vier Tage vergehen bis mir mein defekter Kopter wieder in die Hände fällt. Nach 2h Reparatur und diversen Verbesserungen entschließe ich mich spontan das Ergebnis zu testen, stecke 3 Akkus in meine Hosentaschen, schnapp mir meinen Sender und die Fatshark und gehe auf die Wiese nebenan – ein unspektakuläres Stück Land aus der Sicht eines FPV-Piloten. Doch plötzlich fühlt sich mein Kopter so gut und natürlich an als ob er eine Verlängerung meines eigenen Körpers wäre. Mir gelingen die unglaublichsten Kombinationen, ich habe fast das Gefühl mich durch den Kopter ausdrücken zu können. Dabei habe ich am Tune nichts geändert, nur defekte Teile repariert. Auch die Witterungsbedingungen sind gleich, und der Spot ganz und gar nicht besonders.
Nach 3 Akkus purem Adrenalin, unzähligen Dives, inverted Orbits und Hochgeschwindigkeits-Gaps nehme ich meine Brille ab und kann nur noch grinsen. So muss sich ein Läufer fühlen wenn er ins Running-High Stadium kommt. Keine Ersatzprops hatte ich im Gepäck, auch konnte ich kein Videomaterial von meinen Heldentaten aufzeichnen, da ich nicht einmal eine SD-Karte in der VR Brille hatte, um wenigstens eine qualitativ grausame DVR Aufnahme zu machen.
Meine unglaubliche Session am langweiligsten Spot der Welt – auf ewig eine legendäre Sage. Vielleicht lag es daran, dass ich keine hohen Erwartungen an meinen kleinen Ausflug stellte. Vielleicht war ich einfach in einer guten Tagesverfassung. Womöglich hat mich über Nacht die Muse des Flows geküsst – was es auch immer war, in jedem Fall hat es mich motiviert weiter zu machen, auf´s Neue meine hart verdienten Brötchen ins Hobby zu investieren, anstatt wichtigere Investitionen zu tätigen. Weitere stundenlange Werkstattsitzungen und Recherchen im Internet zu erdulden – und das nur für diese 15 Minuten unendliche Freiheit die sich meist nichteinmal auf Band festhalten lassen.

Unterm Strich kann ich nur sagen: DAS WAR`S WERT.

 

 

 

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